Artikel: Loslassen oder dranbleiben? Sonntagsbrief #1

Loslassen oder dranbleiben? Sonntagsbrief #1
Hallo du,
vor ein paar Tagen bin ich (für mich völlig untypisch) um 4:45 Uhr aufgewacht und konnte einfach nicht mehr einschlafen. Also lag ich da & habe die Gedanken zugelassen, die so auftauchten.
Unter anderem war da auf einmal ein Satz, den ich vor einigen Jahren auf einem Seminar aufgeschnappt hatte:
„Wenn du nachts wach wirst und nicht mehr einschlafen kannst, steh auf und mach irgendwas.
Deine Seele möchte dir vielleicht etwas sagen.“
Also bin ich dem Impuls gefolgt, aufgestanden, habe mich mit einem Tee auf die Couch gesetzt und habe…
… am Smartphone gescrollt.
Dabei bin ich an einem Reel hängen geblieben, das mich noch einige Tage beschäftigen würde. Darin war eine Frau zu sehen, die ein paar Übungen im Fitnessstudio machte. Darüber lag ein englisches Zitat. Sinngemäß übersetzt:
„Es macht gar keinen Sinn, einen Wunsch zu haben, für den man nicht bereit ist, das Nötige zu tun. Und wenn du nicht bereit bist, das Nötige zu tun, dann lass doch einfach den Wunsch los.“
Ein Teil von mir dachte sofort: „Wow, stimmt.“ Und natürlich traf mich der Satz besonders, weil ich gerade eine passende Situation durchlebe.
Ich mache gerade viel Sport und achte auf meine Ernährung, und ehrlich gesagt tue ich das a) aus Unzufriedenheit und b) wirklich nicht so gerne. Es kostet mich relativ viel Überwindung, aber ich fühle mich eben nicht 100% wohl in meinem Körper & da ist ein gesünderer Lifestyle eben der einzige Weg.
Das Video brachte mich zu ein paar Fragen: Wäre es nicht auch eine Option, einfach zu akzeptieren, dass mein Körper sich mit dem Alter verändert hat? Den Kleiderschrank ausmisten, mir Sachen kaufen, die mir jetzt passen, und Ruhe geben?
Natürlich wäre das eine Option. Und gleichzeitig ist es aber auch nur die halbe Wahrheit, die ich betrachte, da ich ja ziemlich genau weiß, warum sich mein Körper verändert hat. Und das liegt weniger am Alter & ganz schön viel am uneingeschränkten Genuss der letzten Monate :-) Den Wunsch „fitter Körper“ loszulassen kann erleichternd, aber in dem Fall eben auch ein bequemer Ausweg sein.
Wunsch oder Bedürfnis?
Wenn ich darüber nachdenke, ist ein Wunsch für mich etwas, das ich gerne haben, erleben oder verändern möchte. Das kann etwas Materielles sein – zum Beispiel eine Handtasche –, ein Ziel wie ein fitter Körper oder das Gefühl, zufriedener mit meinem Leben zu sein.
Das Bedürfnis dahinter ist das „Warum“: Was erhoffe ich mir davon? Bei der Handtasche könnte es Freude an Ästhetik oder Zugehörigkeit sein. Den fitteren Körper wünsche ich mir vielleicht, weil ich mich im Alltag energiegeladener fühlen möchte oder beim Spazieren nicht mehr so schnell erschöpft sein will. Es kann aber auch sein, dass ich mir davon Anerkennung erhoffe. Derselbe Wunsch, zwei ganz verschiedene Gründe. Und keiner von beiden ist falsch. Aber der Unterschied hilft mir zu verstehen, was ich eigentlich brauche – und ob es vielleicht noch andere Wege gibt, dieses Bedürfnis zu erfüllen.
Genau hier hakt der Satz aus dem Reel für mich. Wenn ich einen Wunsch loslasse, ist das Bedürfnis dahinter ja immer noch da. Stell dir vor, du wünschst dir seit Monaten ein paar Tage am Meer, weil dir Erholung fehlt und du dort super runterkommen kannst. Streichst du den Wunsch, fehlt dir die Erholung ja trotzdem. Der Wunsch kann dir also auch eine Richtung geben: etwas, auf das du hinarbeitest und dich freust. Gleichzeitig ist das Meer vielleicht nicht die einzige Möglichkeit, dir Erholung zu ermöglichen. Vielleicht kannst du auch einen Tag in die Therme fahren oder ein bisschen mehr Entschleunigung in deinen Alltag bringen.
Ich verstehe aber auch, was das Zitat meint. Viele Menschen stellen sich etwas immer wieder schön vor und tun nicht das dafür, was dafür nötig wäre. Damit begeben sie sich in eine Situation, die ja zwangsläufig zur Enttäuschung führt, bis aus dem Wunsch dann ein Vorwurf an sich selbst wird: „Du wolltest doch längst …“
Und dieser innere Vorwurf kann eben wehtun.
Aber warum tun wir dann nichts dafür?
Das Zitat hat darauf eine schnelle Antwort: „Wer nichts tut, will es eben nicht genug.“
Ich glaube aber, so einfach ist es nicht immer. Wenn ich auf meine eigenen aufgeschobenen Wünsche schaue, finde ich auch ganz andere Gründe.
Manchmal fehlt schlicht der Rahmen. Du möchtest beruflich etwas verändern, kannst dir die damit verbundene finanzielle Unsicherheit aber gerade nicht leisten. Oder du kommst abends so erschöpft nach Hause, dass für etwas Neues keine Energie übrig ist.
Manchmal ist es Angst. Du wünschst dir eine Beziehung, hast aber nach einer schmerzhaften Erfahrung Angst, dich auf jemanden einzulassen. Oder du hast Sorge, es zu versuchen und zu merken, dass es nicht klappt. Solange du es nicht probierst, bleibt der Wunsch wenigstens unberührt.
Manchmal ist der Wunsch so groß, dass du gar nicht weißt, wo du anfangen sollst. „Fitter werden“ oder „mich selbstständig machen“ ist nichts, was man an einem Dienstagabend einfach angeht.
Und manchmal merkst du beim Nachdenken, dass du zwar das Ergebnis gerne hättest, den Weg dorthin aber gar nicht gehen möchtest.
Nur bei diesem letzten Grund passt der Satz aus dem Reel wirklich. In allen anderen Fällen bringt Loslassen herzlich wenig. Da hilft es eher, die Umstände ernst zu nehmen, der Angst ins Gesicht zu schauen und einen ersten Schritt zu finden, auf dem der weitere Weg aufbaut.
Was du für dich mitnehmen kannst
Bevor du dir einen Wunsch ausredest, versuch erstmal herauszufinden, was du dir davon wirklich erhoffst. Manchmal stellt sich dabei heraus, dass du ihm endlich die notwendige Aufmerksamkeit geben möchtest. Manchmal passt er gerade nicht in dein Leben, oder es gibt einen anderen Weg zu dem, was du eigentlich brauchst. Und manchmal merkst du, dass du etwas seit Jahren mit dir herumträgst, das heute gar nicht mehr zu dir und deinem Leben passt.
Bei mir und dem Sport heißt das: Ich will herausfinden, was „mich wohlfühlen“ für mich eigentlich bedeutet. Wie viel davon hängt an meiner Kleidung, wie viel an meiner Fitness? Und wie viel daran, wie ich meinen Körper bewerte, oder wie ich glaube, dass andere ihn bewerten?
Eins ist mir dabei schon klar geworden: Ich kann mir Kleidung kaufen, die mir jetzt gut passt, und trotzdem weiter Sport machen. Mein Wohlbefinden muss nicht warten, bis mein Körper einen bestimmten Zustand erreicht hat. Und ich kann mir trotzdem Veränderung wünschen und etwas dafür tun.
Vielleicht magst du dir heute einen Wunsch herauspicken, der dich schon länger begleitet, und ihn mit diesen vier Fragen anschauen:
Fragen der Woche
- Was erhoffe ich mir davon, wenn mein Wunsch in Erfüllung geht?
- Was hält mich bisher davon ab?
- Welche anderen Möglichkeiten gibt es?
- Was ist mein nächster Schritt?
Welchen Wunsch hast du dir angeschaut? Wenn du magst, schreib mir und erzähl mir davon. Ich lese jede Nachricht selbst.
Hab einen schönen Sonntag und bis nächste Woche.
Much love,
Ana ♡