Artikel: Der Kompass, der (fast) alles erklärt | Sonntagsbrief #2

Der Kompass, der (fast) alles erklärt | Sonntagsbrief #2
Dieser Text ist zuerst als Sonntagsbrief Nr. 02 erschienen, meinem wöchentlichen Newsletter.
Letzte Woche habe ich geschrieben, dass hinter jedem Wunsch ein Bedürfnis steckt (hier kannst du den Text nachlesen). Und hinter vielen Bedürfnissen steckt wiederum etwas, das noch tiefer liegt:
Unsere Werte.
Falls du mein Buch „GLOW YOUR LOVE“ bereits gelesen (und ggf. sogar das Workbook bearbeitet) hast, wird dieses Thema nicht neu für dich sein. Das Thema Werte ist schon seit Jahren etwas, auf das ich bei mir persönlich einen großen Fokus lege und das mir sehr viel Klarheit gebracht hat.
Aber was sind eigentlich Werte?
Werte sind tief verwurzelte Überzeugungen, Ideale und Prinzipien, die wir als positiv, moralisch gut oder erstrebenswert ansehen. Sie dienen als innerer Kompass für Denken, Fühlen und Handeln und helfen uns dabei, Entscheidungen zu treffen.
Das können ganz unterschiedliche Dinge sein. Ehrlichkeit, Freiheit, Zugehörigkeit, Sicherheit, Kreativität, Ruhe oder auch Abenteuer. Jeder Mensch hat ein paar davon, die bei ihm ganz oben stehen, und die sehen bei jedem ein bisschen anders aus.
Das Spannende ist: Die meisten von uns könnten ihre wichtigsten Werte gar nicht so spontan aufzählen. Und trotzdem entscheiden sie im Hintergrund ständig mit. Ob wir einen neuen Job suchen oder bei unserem alten Job bleiben. Mit wem wir uns umgeben & mit wem lieber nicht. Wofür wir unser Geld ausgeben und wie wir unsere Zeit investieren. Sogar, warum uns manche Menschen sympathisch sind und andere irgendwie nicht.
Wenn wir nach unseren Werten leben, fühlt sich das Leben insgesamt stimmig an. Wenn wir länger gegen sie leben, merken wir das meistens zuerst als schwer definierbares Unwohlsein. Man ist gereizt, unzufrieden oder einfach müde & weiß gar nicht genau, warum.
Genau so ging’s mir vor Kurzem.
Was meine Nägel mir über meine Werte verraten haben
Ich gönne mir nicht viele Beauty-Behandlungen, aber mir waren gepflegte, schöne Fingernägel schon immer wichtig. Da ich selber relativ untalentiert bin, was das Auftragen angeht, gehe ich seit über 15 Jahren ins Nagelstudio.
Nachdem meine letzte liebe Nagelfee leider aufgehört hat, musste ich mir ein neues Studio suchen. Bei einem Studio hatte ich ein optisch sehr gutes Ergebnis, aber die Nägel haben leider (auch beim zweiten & dritten Mal) nicht gut gehalten. Beim nächsten Dienstleister haben die Nägel zwar gut gehalten, das Ergebnis war aber nicht ordentlich. Mein dritter Dienstleister hat meinen Termin vergessen, und nach 1 h im Wartebereich habe ich meinen Selbstrespekt gepackt und bin nach Hause gefahren.
Und glaub mir … Ich war sauer. Richtig sauer. Jedes einzelne Mal.
Ich meine … es sind Fingernägel. Ich hab’s schon irgendwie überlebt, dass der Lack nach einer Woche abgeplatzt ist. Und auch die unsauberen Ränder und Staubkörner unterm Lack hat man nur gegen das Licht gesehen. Und trotzdem saß ich jedes Mal da & war viel wütender, als es die Situation eigentlich hergab. Aber warum?
Erst als ich endlich ein Studio gefunden hatte, in dem ich wieder sehr zufrieden war, ist mir aufgefallen, was alle vorherigen negativen Erfahrungen gemeinsam hatten. Mit den Nägeln an sich hatte das wenig zu tun. Es ging um Wertschätzung – mir und meiner Zeit gegenüber.
Warum Ärger ein besserer Hinweis ist als Zufriedenheit
Das Witzige ist: Bei meiner alten Nagelfee hab ich mir über all das nie Gedanken gemacht. Die Termine haben gepasst, die Nägel haben gehalten, alles war sauber. Ich bin hin, hab mich gefreut & bin wieder nach Hause. Dass mir Wertschätzung so wichtig ist, ist mir in all den Jahren kein einziges Mal aufgefallen. Es war der Standard. Der Standard, mit dem ich meinen Kund:innen begegne, und der Standard, den mir (bis dahin) auch meine Dienstleister alle entgegengebracht haben.
Und ich glaube, genau so geht es uns mit vielen Werten. Wenn sie erfüllt sind, fühlt sich das einfach normal an. Zufriedenheit schreit (meistens) nicht rum. Aber Ärger ist laut. Er überkommt den Körper manchmal, bevor unser Bewusstsein überhaupt erkennen kann, dass es Ärger ist. Aber alles in allem zeigt Ärger ziemlich präzise auf die Stelle, an der gerade etwas fehlt, das uns wichtig ist.
Vielleicht kennst du das auch: Dich nervt es, wenn andere über deinen Kalender bestimmen? Dann geht’s vermutlich um Selbstbestimmung. Du kochst innerlich, wenn jemand bei einer Entscheidung übergangen wird, auch wenn es gar nicht um dich geht? Dir ist wahrscheinlich Gerechtigkeit wichtig. Und wenn du nach einem Abend mit bestimmten Leuten irgendwie leer nach Hause kommst, obwohl alle nett waren, fehlt dir dort vielleicht Authentizität oder Tiefgang im Gespräch.
Das macht den Ärger nicht schöner, aber er bekommt eine Richtung. Und manchmal auch eine Erklärung dafür, warum man über scheinbare Kleinigkeiten so aus der Haut fahren kann.
Und wenn zwei Werte gleichzeitig ziehen?
Auch das passiert nicht selten. Werte geraten nämlich ständig miteinander in Konflikt. Dir ist Wertschätzung zwar wichtig, aber Ästhetik wichtiger? Dann kann es sein, dass du zu der Nageldesignerin mit dem besten Ergebnis gehst, obwohl sie dich jedes Mal 30 Minuten warten lässt. Dir ist Sicherheit wichtiger als finanzielle Freiheit? Dann kann es sein, dass du in einem weniger gut bezahlten Job bleibst, weil er sicherer ist als ein neuer Job oder eine Selbstständigkeit.
In solchen Momenten fühlt sich jede Entscheidung ein bisschen falsch an. Mir hilft es enorm zu wissen, welcher Wert aktuell Vorrang hat. Und ja: Die Wertehierarchie kann sich auch mit der Zeit & Erfahrung verändern.
Was du für dich mitnehmen kannst
Deine Werte zu kennen, ist unglaublich wertvoll. Und zwar bevor man sich zum zweiten Mal 60 Minuten im Wartebereich des gleichen Nagelstudios wiederfindet :-)
Wenn du weißt, was dir wichtig ist, verstehst du dich selbst und auch deinen Platz in der Welt etwas besser. Du kannst einordnen, warum dich eine Situation so mitnimmt, statt dich zu fragen, ob du gerade „überempfindlich“ bist. Entscheidungen fallen leichter, weil du einen Maßstab hast, an dem du sie messen kannst. Und es wird einfacher, Nein zu sagen, ohne dich danach schlecht zu fühlen. Du weißt ja, wofür du dieses Nein sagst. Das gilt für die großen Fragen genauso wie für den Alltag.
Du musst dafür heute keine perfekte Liste erstellen. Ein guter Anfang ist schon, diese Woche aufmerksamer zu sein: Wann ärgerst du dich? Und was läuft gerade so selbstverständlich gut, dass du es kaum noch bemerkst? In beidem steckt oft ein Wert, der dir wichtiger ist, als du denkst.
Fragen der Woche
- Worüber habe ich mich zuletzt richtig geärgert?
- Welcher Wert wurde dabei vielleicht verletzt?
- Was läuft gerade so gut, dass ich es für selbstverständlich halte?
- Was wäre ein kleiner Schritt, einem wichtigen Wert mehr Platz zu geben?
Much love,
Ana